Einführung ins Nebelland, Part II.


Nun, bevor unsere eigentliche Geschichte beginnt, möchte ich noch einige Worte zu einem Thema verlieren, das vielleicht nicht ganz so einfach ist. So schön und vielfältig, ja, auch magisch Nebelland war, es gab etwas, unter dem fast jedes Wesen zu leiden hatte, mal mehr, mal weniger: Die so genannten Flüche. Derer gab es unzählig viele, vermutlich gab es zu jedem Lebewesen einen Fluch. Und so unterschiedlich die verschiedenen Wesen waren, so unterschiedlich waren auch die Flüche. Es gab Flüche, unter denen die Nebelländer sehr litten, die sie Beispielsweise entstellten, oder ihnen schmerzen zufügten, oder die ihnen gar den Tod brachten. Die meisten Wesen auf Nebelland fanden sich damit ab, sie wären wohl auch nicht in der Lage gewesen, etwas gegen die Flüche zu tun. Nun gab es aber die Eichhörner, die ja zu jedem Thema fragen stellten. Und so fragten sie sich natürlich eines Tages, woher die Flüche kamen. Natürlich konnten sie von Heute auf Morgen keine Antwort finden, aber sie studierten die unterschiedlichsten Flüche über Jahre, kategorisierten sie, bauten Häuser für Menschen, die an Flüchen litten (die so genannten Fluchhäuser), Stück für Stück gelang es ihnen gar, Gegenflüche zu entdecken, meist aus Zufall, je erfolgreicher sie jedoch waren, desto zielgerichteter forschten sie auch. Nun kam es dazu, dass es den Eichhörnern nicht genügte, Gegenflüche zu finden. Sie fingen an, sich zu fragen, was die Ursache für die Flüche ist. Und wisst ihr, wie sie eines schönen Tages auf eine dieser Ursachen kamen? Im Laufe vieler Jahre entwickelten sich auf Nebelland verschiedenste Forschungsfelder. Eines davon beschäftigte sich mit der Erforschung des Himmels. Dazu hatten die Eichhörner riesige Geräte mit großen, geschliffenen, kreisförmigen Gläsern. Diese Geräte ermöglichten es ihnen, in weite fernen zu schauen. Unter den Einwohnern der großen Eichhornstädten gab es immer wieder ein paar Eichhörner, die etwas anders dachten als der Rest, vermutlich würdet ihr sagen, sie dachten um die Ecke. Eines dieser Eichhörner war Herbert Frühgewohl. Herbert kam im Alter von 35 Jahren auf die verrückte Idee, einen Tropfen Eichhornblut auf eine Glasscheibe zu tun, und sich diesen Tropfen mittels des Himmels – Erkundungsgerätes anzuschauen. Und was er dann entdeckte, lies seinen Atem stocken. Vor ihm tat sich eine Welt auf, die fast genauso faszinierend war, wie die weit entfernten Welten, die man sonst sah, blickte man durch diese riesigen Gerätschaften. Damit hatte er das so genannte „Minimierungsfokusierende Optikum“ erfunden. Stellt euch das vor: Er nahm etwas Vorhandenes, um es Zweck zu entfremden, und so machte er eine der gewaltigsten Erfindungen im Bereich der Fluchologie (So nennt sich die Wissenschaft, die sich mit den Eichhörnern und ihren Flüchen beschäftigte. Auch für die anderen Wesen gab es eine Wissenschaft, die sich Veterinärfluchologie nannte, denn die Eichhörner waren auch sehr auf ihre Umwelt bedacht.)

Im Laufe der Jahre fand man nun mittels des Gerätes, und immer besser werdenden Versionen des selben, heraus, dass es für Flüche unterschiedliche Ursachen gab. Zum einen waren da die  Kabterien, winzig kleine Lebewesen, die sich in einem Organismus einnisten, und dort Schaden anrichten. Diese verursachten Beispielsweise schlimme Hustenkrämpfe, oder sie sorgten dafür, dass man schlimme Magenprobleme hatte. Es gab viele verschiedene Kabterien. Einige von ihnen waren sogar nützlich, und bewahrten vor Schäden durch andere Kabterien. Es dauerte eine Zeit, bis man dies heraus fand. Die Kabterien, die Flüche verursachten, waren fast so zahlreich wie die Eichhörner, und so zahlreich waren auch die Unterschiedlichen Flüche, die sie mit sich brachten. Allerdings gab es nun Flüche, zu denen man kein passendes Kabterium fand. Daher fragten sich die Eichhörner, ob es doch noch andere Ursachen gäbe. So stießen sie eines Tages auf die Riven. Das waren sehr Merkwürdige Dinger. Sie waren noch viel kleiner als die Kabterien, aber auch sehr zahlreich. Auch sie verursachten die verschiedensten Flüche, von ganz harmlos bis ganz schlimm. Merkwürdig an ihnen war, dass sie keine Wirklichen Lebewesen zu seien schienen. Sie brauchten einen so genannten Wirt, um zu überleben. Dieser Wirt war eine Lezze. Lezzen, das sind winzig kleine Teilchen, die zusammen genommen ein Wesen bildeten, wie zum Beispiel die Eichhörner. Setzte sich so eine Rive erst einmal in einer Lezze ab, begann sie dort, sich zu vermehren, und die Lezze zu zerstören. Schon merkwürdig: Sie vernichtete das, was sie am Leben hielt. Aber so eine kleine Rive ist nunmal nicht besonders schlau, jedenfalls lange nicht so schlau, wie die Eichhörner. Nach und nach wurden für viele Riven Gegenmittel gefunden, einige Riven wurden sogar vom Körper selbst als Eindringling erkannt und zerstört. Auch gab es, nach intensiver Forschung, für einige Riven eine Art Schutz, der die Rive daran hinderte, überhaupt in den Organismus einzudringen.

Ihr seht, das Fragen stellen oft hilft, wichtige Erkenntnisse zu gewinnen. Letztendlich gab es aber immer noch Flüche, von denen Niemand wusste, woher sie kamen. Bis man eines Tages begriff, dass es manchmal im Bauplan des Körpers zu Fehlern kommt (Ein jedes Lebewesen auf Nebelland trug einen inneren Bauplan mit sich rum, der Unmengen an Seiten füllen würde. Da ist es nur logisch, dass man eines Tages durcheinander Gerät). Das waren besonders trickreiche Flüche, da man ihre Ursache natürlich nicht bekämpfen konnte – Denn die Ursache war ja der Körper selbst. Und leider war es so, das die meisten der Flüche, die vom Körper selbst ausgingen, auch die besonders schlimmen waren.

Nun gut, es gibt heut immer noch Flüche, die nicht gänzlich erforscht sind, andere wiederum kennt man sehr gut, viele kann man behandeln, andere nicht – Auf alles hatte eben niemand eine Antwort. Aber das man nunmehr in der Lage ist, wenigstens eine Großzahl der Flüche zu behandeln und zu bekämpfen, verdankten die Nebelhörner dem guten Herbert Frühgewohl. Nun denkt ihr vielleicht, er wurde reich, von allen gefeiert und Uralt – da muss ich euch leider enttäuschen. Wenige Wochen nach seiner sensationellen Entdeckung verstarb Herr Frühgewohl an einem sehr bösartigen Fluch – womit ihr gelernt habt, was es mit der Ironie des Schicksals auf sich hat.

Das war vielleicht eine Menge an Information auf einmal! Aber keine Angst, ihr müsst euch das natürlich nicht alles merken. Für die Geschichte, die ich erzählen möchte, reicht es eigentlich zu Wissen, dass es in Nebelland unterschiedliche Flüche mit unterschiedlichen Ursachen und natürlich unterschiedlichen Auswirkungen gab. Was die ganz schlauen unter euch sicherlich zu der Frage drängt: Warum erzählst du uns das dann alles? Ich möchte euch diese nicht ganz unbegründete Frage auch gerne beantworten. Bei uns Geschichtenschreibern verhält es sich nämlich so, dass wir gerne und viel schreiben. Würden wir nur die wirklich wichtigen Dinge aufschreiben, wären wohl die meisten unserer Geschichten ziemlich kurz. Es gibt Exemplare unserer Gattung, die Bücher schreiben, und dort Beispielsweise eine Wohnung so detailliert schildern, dass unserer Phantasie gar kein Raum mehr bleibt. Vielleicht passiert dann in der Geschichte gar nicht viel, ausser, dass ein Foto von der Wand fällt, oder ähnlich Unspektakuläres.  Ihr werdet solchen Geschichten bestimmt noch oft begegnen, einige gar gähnend weglegen, und euch schwören: Von diesem Geschichtenerzähler kaufe ich mir nie wieder ein Buch. Wir sind aber auch geschickt darin, viel unnützes in unseren Geschichten zu verpacken. Dieser ganze Absatz soll mal als Exempel dienen: Er ist völlig unnötig. Ich habe euch einfach unterstellt, ihr würdet eine Frage stellen, und ganz ungefragt habe ich diese dann beantwortet – dabei habe ich euch noch geschmeichelt, denn ihr wisst: Fragen stellen ist ein Zeichen äußerster Klugheit.

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