Nashorn, Unterhosenfreunde und Alice im Wunderland.


(Eine der berühmten Geschichten Herr Bohm’s, die kein Ende haben.)

Es kommt des Öfteren vor, dass ich – und das auch recht gedankenverloren – durch die Gegend laufe. Der heiter brennenden Sonne, die mich schon den ganzen Tag verfolgt, drehe ich dabei demonstrativ den Rücken zu.

„Herr Bohm, hören Sie mir zu!“

Schon als ich diesen Satz vernahm – oder vielmehr die Stimme, die ihn beschrieb – gefror mir der Restalkohol in den Adern. War sie doch niemand anderem als Dr. Eulenberg, einem mir zu meinem Leid bekannten Nashorn, zuzuordnen. Ich drehte mich um, während sich die blöde Sonne einen feixte und mir ihre beschissenen Strahlen ins Gesicht schlug. Wahrhaftig, da stand dieses übergewichtige Einhorn.

„Ich muss Ihnen sagen: Ihre Bekleidung lässt jeglichen Stil vermissen.“

Die Hand schon am Lauf des Gewehres, hielt ich inne: Du kannst nicht mitten in Berlin auf ein sprechendes Nashorn, das auch noch in Philosophie habilitiert ist, schießen. Das würde mich in ein völlig falsches Licht stellen. Gleichzeitig erwäge ich, das Ritalin wieder abzusetzen. Woher hast du das Scheisszeug eigentlich? höre ich eine innere Stimme fragen. Während ich das Gewehr langsam gen Fußboden sinken lasse und versuche, Eulenburg zu ignorieren, fällt mir ein: Die Grinsekatze. Als ich in diesen blöden Kaninchenbau gestolpert bin und durch den Wald lief, der mehr violett als alles andere war, begegnete ich ihr.

„Guten Tag, Sie leiden an ADHS, nehmen Sie diese Tabletten und lassen Sie mich gefälligst in Ruhe. Schultern zurück, Brust raus, auf Wiedersehen!“

Das war alles. Sie drückte mir eine Dose Tabletten in die Hand, mit einem unerschöpflichen Vorrat an Ritalin. Aha! Daher also. Ich weiß nicht, wie ich aus diesem Wald wieder rauskam, oder warum ein Wald in einem Kaninchenbau steckt, aber das spielt im Moment keine Rolle. Bei Gelegenheit erschieße ich die Grinsekatze.

„Zum Beispiel ihre Ringelsocken. Sie sind zu alt für diesen Unsinn!“

Da ist er wieder, dieser Drang nach Zerstörung. Kurz bin ich versucht, das Gewehr wieder auf Eulenburg zu richten, aber die Vernunft ist eine mächtige, verstörende Kraft. Ich lasse das Gewehr fallen, ziehe die Schultern zurück und drücke die Brust raus. Ganz Unrecht hatte dieses Katzenvieh ja nicht: Die Anspannung lässt nach.

„Und dieses Gewehr! Baujahr 19hundert. Wie ich Sie kenne, liegt das Bajonett zuhause auf dem Kanapee.“

Für ein Nashorn, das nie bei mir zu Hause war, kennt mich Dr. Eulenberg ziemlich gut. Macht aber nichts, denke ich. Und in diesem Moment erscheint sie auf seinen Schultern: Die Grinsekatze.

„Reichen Sie mir Ihre Hand und kommen Sie ins Wunderland!“

Ich könnte kotzen, lasse es aber. Denn mir fällt ein: Mein Gewehr ist auf Beteubungsmodus! Ich schieße der Katze zwischen die Rippen, ganz sacht, wie in Zeitlupe, gleitet Sie zu Boden.

„Sind Sie von allen Guten Geistern verlassen?“

Der zweite, dritte und vierte Pfeil trifft Eulenberg. Für ein Nashorn muss man eben härtere Geschütze auffahren. Phase 3 des Tages beginnt: Problembewältigung. Ich nehme den Trichter, der sich – Gott weiß warum – in meinem Rucksack befindet, schiebe ihn der Grinsekatze in den Mund und schütte sämtliche Ritalinpillen hinterher.

„Alice, Alice, Who the fuck is Alice!“

Ein Polizist. War ja klar. Ich brülle zurück:

„Ich nicht! Ich bin Herr Bohm! Ich will keine Grinsekatzen! Und in Philosophie habilitierte Nashörner auch nicht!“

Ich erwache mit ziemlichen Kopfschmerzen. Weiße Wände. Ich habe es geschafft! Denke ich. Weit gefehlt. Die Unterhosenfreunde öffnen die Tür: „Dr. Eulenburg ist tot. Er starb an einer Überdosis B58.“ Verdammter Mist, das Gewehr war nicht im Beteubungsmodus, sondern im Insektenvernichtungsmittelmodus. „Und was ist mit der Grinsekatze?“ frage ich. „Katzen sind generell immun gegen B58. Allerdings fiel sie vor Schreck in Ohnmacht. Das ist die schlechte Nachricht. Oder die Halbwegs Gute. Die richtig Gute: Sie leidet nicht mehr an ADHS.“ Ich weiß nicht, was ich entgegnen soll. Das spielt aber auch keine Rolle mehr, ich werde auf das Schafott geführt. Immerhin: Ich habe ein Nashorn auf dem Gewissen, und da kennen die Unterhosenfreunde keine Gnade. Das einzig Tröstende in diesem Moment: Ich bilde mir das ja alles nur ein. Trotzdem gibt es ein lautes knacken, als mein Genick bricht. Dann wache ich auf, ich bin aus dem Bett gestürzt. Neben mir eine Schachtel Ritalin. Die Grinsekatze auf dem Schrank starrt mich an.

„Schultern zurück, Brust raus, auf Wiedersehen!“

Ich starre in meine Hand, auf die Pillen. „Willst auch mal?“ frage ich die Grinsekatze.

„Nein, aber ich habe da noch einen anderen Patienten. So ein überdrehter Hase, der meint, er habe keine Zeit. Geben Sie mir ruhig ein paar mit.“

Sprach’s, ich spurte, und sie entschwand. Jetzt stand ich also da, ein Nashornmörder mit ADHS, umgebracht von Unterhosenfreunden, mit fürchterlichen Genickschmerzen.

Und was ist nun die Moral? Fange nie eine Geschichte an, von der du nicht weißt, wie du sie beendest.


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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Nashorn, Unterhosenfreunde und Alice im Wunderland.

  1. Großartig, amüsant und sehr kreativ!

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