Ein Klavier in der Psychiatrie


Ein Tag.
Es ist eigentlich still hier, nur die Schwestern (Oder Krankenpflegerinnen oder wie die hier heißen) klappern mit Tassen oder reden untereinander. Sie sitzen hinter einem Fenster in einem extra Raum und beobachten mich und die anderen Patienten. Mir ist diesig, man gab mir Valium und noch Zyprexa, das soll beruhigen, ich vermute, jeder hier bekommt so etwas, meine  Mitmenschen sind still, zu still.

Zwei Tag.
Man stellt sich vor, lernt sich langsam kennen, wir wirken alle normal, zu normal, ich habe keine Ahnung, warum wir hier sind, vielleicht weiß das niemand so genau. Dieses „draussen“, von dem alle sprechen, wirkt plötzlich wie eine andere Welt, fernab der Realität, die wir hier erleben. Im Nebenhaus steht ein Klavier, eine Taste ist abgeschabt, ich frage mich, ob dies nun ein Symbol ist, als wolle das Klavier schreien: Ich bin auch nicht normal.

Drei Tag.
Es gibt die innere und die äußere Welt. Die innere Welt, das ist hier, in diesen Räumen. Dort, wo man sich langsam kennen lernt, sich austauscht: Was ist bei dir passiert? Was bei mir? Man duzt sich, mit Ausnahme des Personals natürlich: Das Nähe-Distanzverhalten muss stimmen. Die äußere Welt hingegen: Das ist das Leben. Die Straße, das Theater, die Kneipen und Bars, das Zuhause, die Geborgenheit, die es hier, in der inneren Welt nicht gibt. Valium, um ruhig zu bleiben, Zyprexa, gegen Wahnvorstellungen. Letzteres stumpft die Spitzen der Empfindungen ab. Es gibt keine Liebe, keinen Hass, es gibt keine Angst und keinen Mut. Es gibt nur die Leere. Und diese eine, alles überschattende Frage: Was heißt das eigentlich, normal? Die meisten Patienten hier, so habe ich den Eindruck, wirken vor allem wegen der Medikamente desorientiert, desillusioniert und merkwürdig – auf die Aussenmenschen. Die Diagnose stellt der Chefarzt: Ein arrogantes Charakterschwein, der sich wahrscheinlich einfach nur gern reden hört. Ein junger Mensch wie sie, der muss doch abhängig sein, von was weiß ich nicht, drogeninduzierte Psychose. Er hört nicht, dass ich dem lange abgeschworen habe, Sie sind jung, Sie müssen ja abhängig sein, er wiederholt sich nur. Meine wahre Angst, die so fassbar ist und gleichzeitig diffus: Ich habe das Gefühl, es interessiert ihn nicht. Man denkt in Rollen- und Klischeebildern.

Vier Tag.
Ich gehe an das Klavier. Dabei habe ich dicken Lack. Ich färbe die abgeschabte Taste ein, es sieht jetzt wenigstens so aus, als ob das Klavier wieder heil wäre. Jedenfalls äußerlich. Was in dem Klavier vorgeht, dass weiß ich nicht. Vielleicht hält es sich für verrückt, vielleicht wird es genauso arrogant belächelt wie jeder einzelne Patient hier. Ich fange an, mit dem Klavier zu sprechen, in dem ich die Tasten drücke. Ton an Ton, Beethoven, Mondscheinsonate. Es singt mit mir, es spricht mir Mut zu. Mit dem letzten Ton sage ich dem Klavier „Lebe Wohl!“ – und verlasse diesen seltsamen Ort – hoffentlich für immer.

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16 Kommentare

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16 Antworten zu “Ein Klavier in der Psychiatrie

  1. Platz 3 auf meiner persönlichen ewigen Liste DER Worte, die so gnadenlos verschieden belegt werden , wie man sich das nur denken kann. Eine erdumspannende Bandbreite.

  2. ich weine.
    fühle mit ihnen, denn ich kenne so gut, was sie da beschreiben. mehr dann unter vier augen. und schmeißen sie das zyprexa weg, es hat menschen sterben lassen in den usa und anderen diabetes gebracht. bitte.

    • Mein lieber Schwan,
      weinen Sie nicht. Bei allem hat es mir doch geholfen. Und ich werde das Zeug nicht sofort wegwerfen, auch wenn ich ihre Meinung hoch schätze: Es war mir ein Licht in der Dunkelheit.
      Ich wünsche Ihnen Glück!
      Der Ihre!

  3. erinnerungen. tränen. gänsehaut. und ein herz, dass mehr als mitfühlt. danke, christian.

    • Frau Katz,
      Sie sind ja so wie so in meinem Herzen. Wenn die Bäume wieder grün werden, dann setzen wir uns unter eine Birke, und frieren dem Frühling entgegen.
      Der Ihre!

  4. wallnuss

    gelesen & gefühlt.

  5. anonym

    habe das selbe durchgemacht.
    kann mitfühlen. weine.

  6. Zitronenjette20

    Diese Worte machen atemlos,treffen das Herz und die Magengrube gleichzeitig.

  7. Ich finde das sehr traurig..
    Mir kommen fast die Tränen.
    Meine Mutter war selbst schon mal in der Psychatrie. 3 Mal.
    Dein Text geht mitten ins Herz..

  8. Das haben Sie sehr gut geschrieben. Das hat Erinnerungen in mir geweckt, die noch gar nicht so alt sind.
    Leider gab es dort kein Klavier, wo ich war. Sonst hätte ich auch die Mondscheinsonate gespielt…

  9. du schreibst so wunderbar. Ich habe deinen Blog gerade entdeckt und bin wirklich begeistert. Werde natürlich regelmäßig vorbeischauen 🙂

    Eine Frage : Warum ist twittern so toll ?

    LG

  10. kira sonnenberg

    Haben sie auch diese junge, sehr nette Psychologin wahgenommen, der das ganze immer wieder unglaublich peinlich war ? Sie saßen bei ihr im Gruppengespräch und sie gab sich alle Mühe, diese unwürdige , groteske Situation zu überspielen,Ihnen eine gewisse Normalität vorzugaukeln, doch das machte es auch nicht besser. Sie hat ihren Job gekündigt. Nein, nicht Ihretwegen, sondern ihretwegen.

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