Zitate aus dem Roman: Das Maximum. Die Amplitude. Von Jean-Claude van Bohm.


Dann war sie einfach da und saß neben mir, sprach mit mir, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Das es sie nicht gibt und nie geben wird: Wie sollte ich das wissen? Sie flüstert leise meinen Namen und nennt sich E. E., das war mir von Anfang an klar, existiert nicht, oder existiert nur in meinem Kopf. Daher die Frage, ob sie nicht vielleicht doch existiere, wenn auch nur für mich – Stimmen, die in meinem Kopf lauter werden, sind ja keine falschen Stimmen, nur weil ich allein sie höre. Im Gegenteil: Sie sind ein Teil von mir, ich höre sie, sie finden ihren Ursprung in mir.

Der Weg zwischen dem Nullpunkt und dem höchsten Wert auf einem Koordinatensystem, beschrieben von einer Sinuskurve, heißt Amplitude. Die Amplitude liegt im positiven Bereich. Der Weg zum Glück, der sichtbare Weg der Sonne, die fühlbare bis zum Höhepunkt fühlbare Liebe: Sie sind die Amplituden des Lebens. Ausgehend vom Nullpunkt, dem Ursprung von Raum und Zeit, dehnt sich die Sinuswelle aus. Die Zeit wird abgerannt, gerade und stur, konstant, ohne Unterlass. Der Raum hingegen: Er dehnt sich aus und zieht sich zusammen. Der Raum: Glück, Sonnenweg, Liebe, Leben. Ein kommen und gehen, ein sich füllen und sich leeren.

Die ganze Wohnung ist verraucht. An der Decke hängt noch ein bisschen Liebe, zwischen den Dielen auch. Der Staubsauger nimmt sie mir, er ist laut. Die Katze hat Angst vor dem Staubsauber, ich glaube, sie weiß es. Ihr sanftes Schnurren, wenn der Staubsauger still ist, und meine Hand auf ihrem Kopf liegt, erfüllt den Raum. Manchmal wünschte ich mir, sie würde die weißen Mäuse jagen, die nur in meinem Kopf existieren. Die Flaschen klirren auf dem Boden, während ich gegen sie laufe. Keine Scherben, aber mir scheint alles zerbrochen.

Schönheit. Manchmal fällt es mir ein, wie ich im Takt deiner Augenblicke getanzt habe, dich getrunken habe, mit jedem Atemzug; Es fällt mir schwer zu glauben. Heute, wenn ich versuche, in dein Herz zu sehen, höre ich nur diese Stimmte, die sagt: The person you have called is temporary not availlable. Vielleicht sind es die schlimmsten Schmerzen, die ich je gefühlt habe, oder im Stande bin zu fühlen. Ich habe immer diesen Felsen gesucht, in der Brandung, und das grausame Meer des Lebens: Es hat ihn ausgehöhlt, zerfressen. Das Meer des Lebens? Ich war das. Nur bin ich zu unehrlich mir selbst gegenüber, das zu zugeben. Ich brauche ein Glas Wasser um den Brand der Zigarette zu löschen. Ich bräuchte unendlich viel Wasser, um die lodernde Schuld in mir zu löschen. Ich liege tagelang im Bett, ich fühle mich bewegungsunfähig, während du mich küsst, während du mich liebst, ich bin wach, aber ich bin nicht da, nur ein Traum von mir, eine Ahnung.

Ich befinde mich an einem Donnerstag. Die Sonne ist lange aufgegangen, sie scheint mir so laut ins Gesicht wie die Erinnerung. Ich müsste Urlaub machen, vom hier, aber vor allem von mir, muss mir vergeben. Keine Ahnung, ob es stimmt, aber mein Gefühl sagt mir: Das ist das schwierigste: Sich vergeben. Die Cognacflasche neben meinem Bett erzählt mir aus meinem Leben, der Geschmack in meinem Mund stimmt mit ein. Mein Kopf, Mein Kopf, Mein Kopf: Er ist dreimal da, so fühlt es sich an. Ich warte nur noch auf den Vorhang.

Ich wollte sie doch ignorieren, aber sie sind so laut, und sie sind überall, sie haben Recht. Ich bin am Ende einer Kette von Ereignissen, die ihr jähes Ende finden müssen, das ist doch logisch, alles hat ein Ende, irgendwann muss der Vorhang fallen. Ich nehme das Messer aus der Schublade und schlitze meiner Katze die Kehle auf, sie spürt nichts, es geht schnell. Sie wäre doch Qualvoll gestorben, verhungert – oder schlimmeres. Ich gehe. In meiner Tasche finde ich die richtige Dosis.

Meine Hände, sie sind so unendlich kalt. Ich liebe. Ich liebe bis zum Schluss. Bis zum Maximum der Amplitude.

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