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Einführung ins Nebelland, Part I.


Ein modernes Märchen, Part I.

Es war einmal, oder ist noch immer, niemand kann das genau sagen, weit ab aller uns bekannten Ortschaften, ein wundersames Land, verborgen in einer Welt, die man nur mit geschlossenen Augen erreicht. Es trug – oder trägt noch immer – den Namen Nebelland. Nicht, dass es dort besonders nebelig war, oder nebulöse Dinge geschahen, nein, Nebelland verdankt seinen Namen einem ganz bestimmten Umstand: Es verhält sich nämlich so, dass es keinem Erdenkind gelingt, dort hinzugelangen, ohne dass sich Nebelland verändert. Daher ist und war es schwierig, eine Karte anzulegen, da ja jeder Nebelland etwas anders sieht, als der Besucher vor ihm. Es war, als würde sich keinem dieses Land richtig erschließen, und so blieb es immer etwas geheimnisvoll. Vielleicht seit ihr ja schon einmal durch Nebel gelaufen, auch dieser ist geheimnisvoll, er verändert sich mit jedem Schritt, den ein Erdenkind hineinsetzt . Deshalb beschloss eines Tages irgendjemand, dem dieser ziemlich gelungene Vergleich einfiel, jenes Land einfach Nebelland zu nennen. Nicht jedem gelingt es, Nebelland zu erreichen, nur eine Auswahl an Erdenkindern, die fähig sind, die Augen zu schließen, und dabei trotzdem zu sehen, erreichen es. Das ist auch ganz gut so – stellt euch vor, ein jeder dahergelaufener Tunichtgut würde Nebelland bereisen, es wäre ständig dabei, sich zu verändern, und die Bewohner von Nebelland kämen nie zur Ruhe, ständig würden sie sich verlaufen, und vielleicht morgen an einem ganz anderen Ort aufwachen, als an dem, wo sie einschliefen.

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wer denn die Bewohner von Nebelland sind. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, aber die Bewohner, die wohl die meisten Sorgen ob der Veränderungen, würde es sie geben, hätten, das waren die Eichhorne. Diese Wesen waren nämlich die eifrigsten Fragesteller unter den Nebellandbewohnern. Sie stellten einfach zu allem Fragen, manchmal stellten sie sogar Dinge in Frage, die eigentlich schon längst bewiesen und beantwortet waren. Da sie nun aber auch antworten fanden, kann man sagen: Die Eichhörner waren die klügsten Wesen Nebellands.

Leider ist das mit der Klugheit so: Mag sie auch ein Geschenk sein, über dass sich sicherlich auch einige unter euch erfreuen können, so ist sie gleichzeitig der Nährboden für die so genannte Unzufriedenheit. Denn man kann noch so klug sein, immer wird man eine Frage finden, auf die man keine Antwort weiss, und das macht uns, ebenso wie den Eichhörnern, irgendwie zu schaffen.

Nun waren, das habt ihr sicher schon geahnt, die Eichhörner nicht die einzigen Bewohner Nebellands. Nein, es gab unvorstellbar viele verschiedenste Wesen, die auf Nebelland zu Hause waren. Da gab es Landwesen, die entweder krabbelten oder hüpften, auf vier Füßen gingen, oder auch mit Hufen galoppierten. Es gab Luftwesen, die mal schnell, mal langsam, in überschaubaren und in höchsten Höhen flogen, mal auf und mal ab, von Tal zu Tal oder über riesige Gebirge. Und es gab Wasserwesen, die im See oder Teich schwammen, und auch im Meer, vom Grund bis an die Oberfläche, von Küste zu Küste. Es gab auch Exemplare, die Beispielsweise an Land und im Wasser leben konnten, oder Luftwesen, die an der Oberfläche der Seen und Teiche und Meere schwimmen konnten, und ja, einige unter ihnen konnten auch tauchen, wenn auch nicht besonders lange oder tief. Ihr seht schon, Nebelland ist der unsrigen Welt sehr ähnlich. Nun muss man aber sagen, dass sich die Wesen dort schon von den unseren unterscheidet. Sie sahen alle etwas anders aus, als unsere Wasser- Land- und Luftwesen, und sie alle hatten etwas geheimnisvolles an sich, weil sie ja doch anders sind, als alles, was wir kennen.

Aber keines dieser Wesen stellte so viele Fragen, wie die Eichhörner. Das hatte sie aber auch weit gebracht: Sie waren nicht nur in der Lage, sich auf dem Land zu bewegen, nein, sie hatten Gerätschaften, die es ihnen erlaubten, sich auf und im Wasser zu bewegen, und sogar die Lüfte hatten sie erobert, mit anderen, wundersamen Maschinen, die mal mehr, mal weniger von ihnen trugen. Selbst an Land hatten sie Geräte, die sie schneller von A nach B brachten, unterschiedlichste Geräte, unterschiedlich schnell, und auch unterschiedlich laut. Vielleicht fragt ihr euch, wozu die Eichhörner solche Geräte brauchten. Nun, erinnert euch, die Eichhörner stellten viele Fragen, und so fragten sie sich auch, was sie in weiter ferne erwartet. Da Nebelland nun aber einmal kein kleines Land war, hätte es mehr als ein Eichhornleben gebraucht, um einmal von einem zum anderen Ende zu gelangen. Daher überlegten sich die Eichhörner eines Tages, wie sie es schaffen, sich schneller zu bewegen, und so erfanden sie diese vielen, rätselhaften Gerätschaften. Glaubt aber nicht, das es je auch nur einem Eichhorn gelang, jeden Fleck Nebellands zu betreten; viel zu groß ist Nebelland, da konnte man noch so schnell sein, es war unmöglich, jeden Winkel zu erkunden.

Aus dem anfänglichen Forschungsdrang entwickelte sich allmählich eine Freizeitbeschäftigung, der viele Eichhörner nachgingen: Das Reisen. Man reiste, um andere Wesen zu sehen, oder um die bauten anderer Eichhörner zu bewundern, die vor langer Zeit lebten, oder um die Kulturen anderer Eichhörner kennen zu lernen, oder um einfach nur zu entspannen, während man sich an einem schönen Strand niederlässt.

Natürlich bestand ein Eichhornleben nicht nur darin, zu reisen. Die Eichhörner lebten in größerer Ansammlung an festen Orten, und dort sorgten sie für einander, es gab Eichhörner, die pflückten Früchte, andere züchteten eine Art essbarer Wesen, wieder andere bauten Eichhornhölen, wieder andere passten auf, dass niemand eine Dummheit begeht. Ich glaube, ihr versteht schon, dass die Eichhörner ähnlich lebten, wie wir es tun.

Ja, ich könnte mich jetzt viele Seiten damit beschäftigen, wie Nebelland aussah, und das Leben auf Nebelland, aber schließlich und letztendlich möchte ich euch eine Geschichte erzählen. Und vielleicht erinnert ihr euch, das Nebelland ja mit jedem Besuch etwas anders aussieht als vorher, und ich möchte nicht in die Verlegenheit kommen, dass ihr euch bei mir beschwert, weil ihr vielleicht diesen oder jenen Baum nicht finden konntet, oder es diesen oder jenen Berg gar nicht gibt. Daher überlasse ich es eurer Phantasie, und vielleicht war der ein oder andere gar schon einmal dort, und hat sich so sein eigenes Bild gemacht. Den unwissenden unter euch aber rate ich, Nebelland recht bald einmal zu besuchen, nur bitte nicht alle auf einmal, ihr erinnert euch, das führt zu Verwirrung.

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