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Das Schwere an leichten Tagen


Nach diesem Temperaturanstieg geht es einem doch gleich viel besser. Ich habe das Gefühl, die Leute schauen freundlicher, den alten Menschen wird eher ein Platz angeboten, und selbst das Gebrüll der Kinder in der Bahn wirkt wie leises Vogelzwitschern. Jedenfalls solange, bis die Bahn zu voll ist. Dann wird alles, aber auch wirklich alles nervend. Die garstig schreienden Kinder, die schwitzende Meute, die telefonierenden wanna-be´s – Ich verliere mich in leicht panikartigen Attacken und dem Gefühl, plötzlich an Platzangst zu leiden.

Wissen Sie, ich bin ein Anhänger des Determinismus. Alles hat eine Ursache, und eine Ursache erzeugt eine Wirkung. Ein ewiger Wechsel, Ursache, dann Wirkung, wird wieder Ursache, und so weiter, ein ewiger Kreislauf, hinter dem wir keine Gesetzmäßigkeiten erkennen können oder wollen, obschon es sie gibt. Wir sind nur viel zu primitiv, zu begreifen, was um uns herum geschieht. Verstehen sie mich nicht Falsch, es gibt einen freien Willen, einen Gestaltungsraum in dem Sie sich bewegen können. Ich habe aber erkannt, dass es Dinge gibt, die einen so beeinflussen, eine Macht entwickeln, über das eigene Ich, die – objektiv betrachtet – viel gewaltiger ist, als wir es uns je vorstellen können. Ich sage Dinge, ein einfaches Wort, und meine  Erinnerungen, Erlebnisse, Tage, Menschen – Sie wissen schon.

In diesem Raum, den wir als unsere Freiheit begreifen, streben wir nach Glück. Wenn wir glücklich waren, merken wir das, meist hinterher. Obschon wir auch das wissen, sind wir nicht in der Lage, den Moment zu genießen. Und bei allem, was wir auf diesem Wege tun, dem streben nach Glück, fragen wir uns, warum wir tun, was wir tun. Warum wir sind, wer wir sind. Wieso wir gerade so handeln. Überlegen Sie sich das: Wir stellen uns so wichtige Fragen, sind aber zu Blöd, die einfachsten Zusammenhänge, die wir ja kennen, zu nutzen.

Für mich bedeutet das, jene oben erwähnten „mir-auf-dieNerven-Geher“ sind bestandteil einer kosmischen Formel, die womöglich versucht ist, mich ganz einfach in den Wahnsinn zu treiben. Nun gut, ganz so arrogant bin ich nicht, ich glaube, das Universum hat wichtigere Probleme. Allenthalben komme ich aber zu dem Schluss, dass es uns einfach vergessen hat. Weshalb wir lauthals telefonieren und uns wie von Sinnen in eine Bahn stürzen, obwohl zwei Minuten später eine weitere, womöglich nicht so gefüllte folgt.

Was will ich sagen? Schreien wir doch alle gen Himmel: „erinnere dich“, statt ins Telefon zu brüllen. Hört auch jeder, ist aber geselliger.

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Rote Kappen auf jungen Damen


Bitte alle Aussteigen. Dieses Märchen endet hier. Zur Weiterfahrt benutzen Sie bitte den Schienenersatzverkehr in Richtung Realität. Du meine Güte, dachte Rotkäppchen, Wo bin ich denn hier gelandet? Gerüche stiegen ihr in die Nase, die sie nicht kannte. Fremde Gerüche, schöne, aber auch bedrückende. Atemberaubend sozusagen.

Der Duft der Großstadt.

Was sie alles sah! Die vielen Menschen, die so ganz anders aussahen als sie selbst – ungleich bunter in ihrer Vielfalt, und doch so grau, betrachtet man jeden für sich. Die bunte Masse der schwarzweißen Einzelstücke. So unvereinbar, und trotzdem schlüssig. Sehenswert, sozusagen.

Der Glanz der Großstadt.

Und die Geräusche – das Quietschen der Bremsen, die wunderbare Melodie der Geige, und das schniefen des Mannes, der auf ihr spielte. Das Schreien der Kinder, dass lachen der Touristen. Quälende Laute, Berührende Töne – Ohrenbetäubend sozusagen.

Die Melodie der Großstadt.

Rotkäppchen geht die Treppen des U-Bahnhofes hinauf, sie fühlt unter sich erst den Beton, dann das Kopfsteinpflaster auf der Straße, die Menschen, die sie streifen, während sie sich vorbei drängeln – Der Wind, der mit Ihrer Kappe spielt. In Ihr Ohr flüstert – der Fremde, der Sie vorwärts schuppst. Sie spürt es.

Der Organismus der Großstadt.

Nun sieht sie den Bus. „SEV zur Realität“. Was bitte, heißt SEV? Sie steigt ein. Erblickt den Fahrer. Herr Busfahrer, warum haben Sie so müde Augen? Mund halten, hinsetzen. Und während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen. Entschuldigung. NICHT mit dem Fahrer sprechen! Entschuldigung NICHT!

Rotkäppchen setzt sich auf einen freien Platz. Erstaunlich leer, der Bus zur Realität, denkt sie. Plötzlich überkommt Sie Freude – da sitzt Großmutter! Großmutter, wie geht es dir? Doch Großmutter schaut sie fragend an. Rotkäppchen entdeckt plötzlich all die Flecken auf dem Gesicht der Großmutter. Altersflecken. Das weis Rotkäppchen natürlich nicht. Aber Großmutter, warum hast du so viele Flecken? Doch Großmutter schmatzt nur, schaut zum Fenster, und Rotkäppchen beginnt zu weinen. Sie geht, und setzt sich auf die hinterste Bank. Großmutter hat mich nicht mehr lieb, denkt Sie.

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Du bist schön


Aus der alten Zauberkiste krame ich folgenden Text.

Sonntage hauchen einen immer so eine Stimmung von neuem Leben ein. geht mir jedenfalls so. Bis dann Montag ist. Ich vermisse da immer diese Freiheit, die ein Sonntag hat. Die Sonne kann scheinen, sie muß aber nicht. Manchmal fällt Regen, manchmal hört man Musik und muß unwillkürlich mitregnen. Manchmal löst man zuviel Zucker in den Tee, den man ja heute, am Sonntag, trinken könnte. Manchmal löst sich genauso irgendetwas anderes auf. Und wenn man richtig gute Laune hat, dann kann man das U-bahn – Experiment wagen. Ich persönlich habe das mal in einem Buch gelesen. Also, hier die Anleitung zum glücklichen-sonntag verbringer oder wie man Botschafter für ein zweifelsfreies miteinander werden kann.

1. Fahrkarte kaufen (muß aber nicht sein)
2. In eine U-bahn steigen
3. die leute anschaun.
4. jemanden besonders schönes aussuchen. (subjektiv. kann auch jemand sein, der nicht schön ist. schön sind wir ja alle irgendwie.

Ab hier 2 Varianten:
5.1.: Du mußt aussteigen: du gehst zu der besonders schönen person und sagst: „Du bist schön“, steigst aus. Und hörst auf dein Gefühl. es sollte gut sein.

5.2.: Die Person steigt aus. du rufst aus der Bahn: „Entschuldigung, ICH hab was vergessen: Du bist schön!“. Weiterfahren. die leute die den Kopf schütteln ignorieren. lachen. und auf dein gefühl hören. es sollte gut sein.

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Wenn du das Geschaft hast, dann frag dich: wie hab ich mich dabei gefühlt? Das ganze hat fast performative Züge. Und überraschend kann es in jedem fall sein. die ganz mutigen warten nicht aufs aussteigen. manchmal kann ja dann was passieren, womit man nie gerechnet hätte (Im Zweifel: blaues auge). Und es kann natürlich passieren, das ihr beide aussteigen müsst. Es gibt keine Zufälle. Das jedenfalls ist meine Meinung.

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